Letztes Jahr habe ich ihn geschenkt bekommen. Zwei gerade mal höchstens einen Centimenter große Stecklinge eines wilden Weines. Da habe ich mich gefreut und ersehnte eiligst den Winter, den Frühling und die dann entsprechende Pracht der rankenden Äste und Trauben.
Der Winter war hart. Und der Hausmeister duldete keine überwinternden Pflanzen auf dem Treppenabsatz. Da musste der ach so kleine Wein durch die kalte Prüfung.
Es sah bereits so aus, als hätte ich einen weiteren kleinen Topf zur Verfügung, glaubte ich nicht mehr an die hölzernen Stöckchen, die da so bräunlich aus der Erde lugten. Ich sollte mich täuschen. Tatsächlich brach an einer Seite der Stöckchen das Rindchen auf und ein saftig-grüner Kopf traute sich in die Welt zu schauen. Einer ein wenig früher als der andere. Es sollte also doch noch etwas werden mit dem Ranken und den Trauben. Voller Tatendrang wuchsen die grünen Ästchen nun und streckten sich, um endlich über den Topfrand die Welt zu betrachten. Nun ist Ende Juli. Die Ästchen sind flugs über den Topfrand gewachsen und verharren dort in unveränderter Größe. Nichts geschieht mehr. Drum herum wachsen die Engelstrompeten und Wunderblumen. Aber der Wein hat sich auf die Größe von drei Centimetern eingelassen und macht auch keine Anstalten, weiter zu wachsen. Dann wurde es mir schlagartig klar. Dieser Wein, der im 4. Stock an der Ecke der Balkonballustrade steht, hat definitv Höhenangst. Einmal über den Topfrand geschaut wurde ihm so schwindelig, dass er sich partout weigert noch höher zu steigen. Ist ihm die jetzige Höhe doch bereits zu viel. Die tapferen Blätter haben sämtliche Farben von Gott-ist-das-hoch-bleich bis Stell-mich-doch-einer-mal-runter-Wut-rot.
Keine einfachere Herausforderung als diese. Ich stellte das Töpfchen kurzerhand auf den Boden. Natürlich musste ich dabei so gleichgültig wie möglich handeln. Denn selbstredend darf niemand vermuten, der Wein könnte womöglich mit der Höhe nicht klar kommen. Als habe ich mehr oder minder im Vorbeigehen das Töpfchen geschnappt, darauf geachtet, dass es dabei auf gar keinen Fall über der Ballustrade schwebte und schwupps auf die Blumenbank gestellt. Ganz nebenbei, denn vordergründig habe ich die Engelstrompete bewundert.
Wenn er, also der Wein, jetzt vor Scham nicht eingeht, dann wird er wohl seinen ganzen Mut zusammenraffen und wachsen.



