Archiv für Juli 2008

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Der Wein in der Höh’

29. Juli 2008

Letztes Jahr habe ich ihn geschenkt bekommen. Zwei gerade mal höchstens einen Centimenter große Stecklinge eines wilden Weines. Da habe ich mich gefreut und ersehnte eiligst den Winter, den Frühling und die dann entsprechende Pracht der rankenden Äste und Trauben.

Der Winter war hart. Und der Hausmeister duldete keine überwinternden Pflanzen auf dem Treppenabsatz. Da musste der ach so kleine Wein durch die kalte Prüfung.

Es sah bereits so aus, als hätte ich einen weiteren kleinen Topf zur Verfügung, glaubte ich nicht mehr an die hölzernen Stöckchen, die da so bräunlich aus der Erde lugten. Ich sollte mich täuschen. Tatsächlich brach an einer Seite der Stöckchen das Rindchen auf und ein saftig-grüner Kopf traute sich in die Welt zu schauen. Einer ein wenig früher als der andere. Es sollte also doch noch etwas werden mit dem Ranken und den Trauben. Voller Tatendrang wuchsen die grünen Ästchen nun und streckten sich, um endlich über den Topfrand die Welt zu betrachten. Nun ist Ende Juli. Die Ästchen sind  flugs über den Topfrand gewachsen und verharren dort in unveränderter Größe. Nichts geschieht mehr. Drum herum wachsen die Engelstrompeten und Wunderblumen. Aber der Wein hat sich auf die Größe von drei Centimetern eingelassen und macht auch keine Anstalten, weiter zu wachsen. Dann wurde es mir schlagartig klar. Dieser Wein, der im 4. Stock an der Ecke der Balkonballustrade steht, hat definitv Höhenangst. Einmal über den Topfrand geschaut wurde ihm so schwindelig, dass er sich partout weigert noch höher zu steigen. Ist ihm die jetzige Höhe doch bereits zu viel. Die tapferen Blätter haben sämtliche Farben von Gott-ist-das-hoch-bleich bis Stell-mich-doch-einer-mal-runter-Wut-rot.

Keine einfachere Herausforderung als diese. Ich stellte das Töpfchen kurzerhand auf den Boden. Natürlich musste ich dabei so gleichgültig wie möglich handeln. Denn selbstredend darf niemand vermuten, der Wein könnte womöglich mit der Höhe nicht klar kommen. Als habe ich mehr oder minder im Vorbeigehen das Töpfchen geschnappt, darauf geachtet, dass es dabei auf gar keinen Fall über der Ballustrade schwebte und schwupps auf die Blumenbank gestellt. Ganz nebenbei, denn vordergründig habe ich die Engelstrompete bewundert.

Wenn er, also der Wein, jetzt vor Scham nicht eingeht, dann wird er wohl seinen ganzen Mut zusammenraffen und wachsen.

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Liebe Medien: Dankeschön

28. Juli 2008

Barack Obama spricht und die Welt hält den Atem an. 200.000 Menschen an der  Siegessäule in Berlin bei seiner Rede am 24. Juli 2008. Es werden fröhlich amerikanische Flaggen geschwenkt. Bei Ronald Reagan wurde noch Kreuzberg abgeriegelt. Wer wäre Obama ohne die Medien? Ein Senaror aus Illinois. Hillary Clinton hat ja noch einen populärpolitischen Bekanntheitsbonus als Ex-First-Lady. Aber Barack Obama?

Als Halb-Kenianer will er den Übergang von einer weißen in eine schwarze Präsidentschaftsära einläuten. Die Medien lieben ihn, und weil das so ist, lieben wir ihn auch. Na gut, okay, er hat auch hehre und vertretbare Ziele. Manchmal jedoch offenbar nicht die standfestesten.

Den Medien sehr hilfreich macht es zurzeit auch zusätzlich der designierte Kandidat jener Partei, welche man gerne in Rente schicken würde, John McCain von den Republikanern. Durch sein mäkelndes Gezicke macht er sich ganz allein unbeliebt. Erst recht, wenn McCain überflüssigerweise auch noch international beleidigend wird.

Und der charismatische Charmebolzen Obama steht trotz Zigarettenlaster für Sportlichkeit und Zeitgenössigkeit. Die Welt lechzt nach einem Wechsel. Friedenstauben und Blümchen in modernem Anthrazit. Nach jahrelanger politischer Übersättigung und Langeweile. Dann finden wir jetzt halt wieder die Amis schau. Auch in Ordnung. Hauptsache, es passiert mal wieder was.

Liebe Medien: Dankeschön.

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Shrinking Coastlines - Obama in Berlin

24. Juli 2008

Knapp 25 Minuten dauerte die Rede. Davon waren gefühlte 5 Minuten “Thank you”. Nicht am Ende der Rede sondern gleich als warm up. Barack Obama dankt Berlin, Mörkl, Steynmöyer und Uouereight, womit dann der regierende Bürgermeister sich angesprochen fühlen sollte. Und er dankt Berlin, den Berlinern, der Stadt und er dankt.

Die Kameras schneiden immer wieder ins Publikum. Stolz oder was auch immer werden auch schön viele Schwarze gezeigt. Man könnte glauben, die Berliner Bevölkerung bestehe aus 40% Schwarzen. (Sorry an alle, die sich an diesen Begriff stoßen. Aber “Farbige” geht nun mal gar nicht und sagt IMHO überhaupt nichts aus. Denn “farbig” bin schließlich auch ich.) Also Kamera immer ruff uff die Schwarzen, denn wir sind uns der Farbigkeit des designierten Präsidentschaftskanditen bewusst. (Und ich bin stolz, ein Kerzenhalter zu sein…)

An seiner eigenen familiären Zusammensetzung zeigt er uns den realexistierenden amerikanischen Traum. Wir erfahren heute, dass sein Großvater Koch war, Hausdiener bei Briten. Wie sein Vater die Freiheit liebte und wie sehr er selber Amerika liebt. Wie wir, die wir als Berliner den Traum der Freiheit lieben, genauestens wissen wovon er spreche. Er erinnert an den Moment, als das erste amerikanische Flugzeug in Tempelhof landet. Es folgt ein Konzentrat der gesamten Berliner Geschichte inklusive Marshall-Plan, um in der Wichtigkeit der Partnerschaft mit Deutschland-Ex-Aliierten-Europa abzurunden. Europa ist der wichtigste Partner von Amerika. (Das war sehr charment und ich schätze ein wenig übertrieben. Charmant ist er. Das ist keine Frage.)

Mit den Bürgern der Welt wünscht er eine Partnerschaft, die über die Religionen, Glaubensrichtungen und Farben hinaus geht. Dass es nun heißt, diese vielen Mauern untereinander nieder zu reißen. Und Obama bekennt sich zu einer Welt ohne Nuklearkraft. Hoppla. Interessant.

Natürlich versucht auch er auch sich ein klein wenig einzureihen in die teils gelungenen Äußerungen großer Nordamerikaner in Berlin. Und so kommt dann auch mal “People of the world - look at Berlin!” in Anlehnung an Ernst Reuter. Gott sei Dank bleibt er seiner Sprache treu. Alles andere wäre überflüssig gewesen.

Brücken sollen gebaut werden, die Küsten sollen sich näher kommen und gemeinsam soll der Planet gerettet werden.

Er hat schön geredet. Und die Masse hat brav zugehört. Er will, dass wir uns alle lieb haben, gemeinsam die CO2-Klamotte in Griff bekommen und in einer friedlichen und gerechten Welt leben. Finde ich toll. Die anderen auch. Immer wieder Applaus. Aber er hat auch gleich zu Anfang klar gemacht, dass er nicht als Präsidentschaftkandidat redet, sondern als Bürger dieser Welt. Und als solcher hat er seine Hausaufgaben gemacht und seine Sache an der Goldelse gut gemacht. Überflüssig, zu erwähnen, dass es einem deutschen Politiker wohl nicht (mehr) gelingen wird, eine so wohlwollende Masse zusammen zu rufen.

Es war der einzige öffentliche Auftritt auf seiner “Ich-bin-außenpolitsch-zu-gebrauchen-Tour”. Es sind ca. 200.000 Menschen auf dem 17. Juni gewesen. Er bekommt wieder eine wahnsinnige Publicity vor allem in den USA. Alle werden zuschauen. Alle werden zuhören. Auch die McCain-Nahen, die nach Fehlern von Obama hecheln. Die Medien lieben Obama und das wird bei den Wahlen meines Erachtens ausschlaggebend sein. Denn selbst die, die sich keine Gedanken um ihr Kreuz machen, werden beim Urnengang eher den wählen, von dem sie am meisten gehört haben. Und das ist eindeutig Obama.

All diejenigen, die heute auf der “Obama-Fanmeile” (!!) waren, haben dazu beigetragen, dass dieser charismatische Demokrat eine Stimme mehr erhalten wird.

Rede-Transkript

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Aus Nein mach Ja

24. Juli 2008

Kommunikationspsychologisch war es nur eine Frage der Zeit, bis die (neue?) Agentur von Jever Pilsner auf den Trichter kommt, die Negativ-Botschaft des Traditionsspots endlich in eine Positiv-Botschaft umzuwandeln.

Aus “keine Staus, eine Cocktailparties usw. bis kein anderes Bier”, was ja erstmal positiv klingt aber mit negierendem Satzbau daher kommt, wurden nun endlich die “Keins” im Text verbannt. Jetzt heißt es “Genau.” “Genau mein Wetter, genau meine Art los zu lassen…” bis “genau mein Bier”.

Nur der Leuchtturm und sein immenser Schatten irritiert mich noch etwas. Der ist für meine Rezeptoren noch so sehr mit Lübzer verankert.

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Die neue Armut

23. Juli 2008

Es sind nicht mehr unbedingt die ragged people, die einen langen Arm in die Mülltonnen machen, auf der Suche nach weggeworfenem Geld in Form von Pfandflaschen. Es sind immer öfter Muttis und Pappis, die im ganz alltäglichen C&A-Chick mit Einkaufstrollys die Einwurfstellen der BSR durchstöbern wie die Grabbeltische bei Woolworth. Verständlich, bei den sich offenbar lohnenden Fundquoten. Beängstigend, bei der vermeintlich soziodemografischen Nähe.

Nun taucht in Berlin ein Phänomen auf, welches ich bisher nur aus der Heimat meiner Eltern kannte: Die Cartoneros. Die, die Pappe oder Altpapier sammeln. Transportiert auf waghalsigen Eigenkonstruktionen mit Rädern. Denn Papier und Pappe ist in der Masse schwer und nur so auch lukrativ. 7,00 EUR für 100 Kilogramm Tageszeitungen, Illustrierte und Kataloge. Kartonage wirft pro Kilogramm dagegen nur 3 Cent ab. Diese Preise werden bei der WIKO Papierhandels GmbH gezahlt. Bei der Papierbank liegen die Preise für Altpapier bei 5 Cent/Kg.

Die Papierbank zahlt zwar weniger, hat allerdings allein in Berlin bereits 20 Annahmestellen für vorsortierte Zeitungen, Telefonbücher und so weiter. Wiko Berlin hat nur in der Friedrichshainer Markgrafenstraße eine Annahmestelle.

Für den Transport von kiloweise Altpapier wird es im fortschrittlichen Deutschland nicht nötig sein, fahrtüchtige Konstruktionen zu entwickeln. Gibt es hier doch im Supermarkt Einkaufswagen schon für einen Euro, bei Discountern manchmal sogar schon für 50 Cent. Darüber hinaus sind (in meiner Phantasie) Papiertonnen wesentlich angenehmer zu durchwühlen als Mülltonnen.

Das Szenario

Je reicher eine Stadt umso mehr Abfall produziert sie. Früher oder später gibt es eine Papier-Camorra und eine Pfand-Mafia. Die Mülltonnen mit vermeintlichen Pfandglas stehen in klar getrennten Reviere und dürfen nur von den dort zugelassenen Pfand-Ladies und -Gents durchforstet werden. Da dieser “Markt” dann bereits zu genüge bedient wird, wird sich die Papier-Camorra die Altpapier-Tonnen untereinander aufteilen, um sich zumindest dort ein paar Euro dazu zu verdienen. Aus dem Umland werden per Pritschenwagen Sammelwillige in die Stadt gefahren, welche mit einer aberwitzigen Umsatzbeteiligung das große Geschäft mit den Sekundärrohstoffen antreiben. Dafür dürfen sie allerdings gefahrenlos die entsprechenden Tonnen durchwühlen.

Und die Busspuren werden eingenommen sein von den Cartoneros auf dem Weg zu den Papier-Annahmenstellen.

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Milchbubenrechnung

23. Juli 2008

Zwar wird die ganze Zeit über den Frischmilchpreis debattiert und dieser ist auch schon brav um ca. 10 Cent angehoben worden, aber um den geht es eigentlich gar nicht. Es geht um den  ganzen anderen Käse und Quark, der preislich nahezu unverändert in den Kühlregalen feil geboten wird. Also werden beim Bund deutscher Milchviehhalter, BDM, die Säbel geschliffen und gerasselt und über den nächsten Gulligang des weißen Rohstoffes nachgedacht. Milchminister Seehofer ruft aus zum laktischen Gipfel am 29. Juli. So wird der Käse auf die Spitze getrieben und es geht um die Butter.

Das Ziel jedoch, dass die Milchbauern (berechtigterweise) mehr Geld für ein Kilogramm oder vielleicht demnächst einen Liter Milch erhalten, zieht natürlich auch mit sich, dass die Verbraucher mehr Münzen in die Hand nehmen müssen, um eben diese Milch zu bezahlen. Und das Gejammere möge dann auch berechtigt sein.

Dem verbraucherpreisindexbildenden Warenkorb werden allerdings dadurch nicht die Weiden locker. Schließlich werden ja die ebenfalls im Korb liegenden Computer im Gegenzug immer billiger.

Schade nur, dass man (selbst wenn man es manchmal wünschte) Computer nicht schaumig schlagen kann.

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Posthume Symptome

18. Juli 2008

Heute bei GMX und Web.de:

“Bei dem Lauf auf Deutschlands höchsten Berggipfel waren am Sonntag zwei Männer im Alter von 41 und 45 Jahren kurz vor dem Ziel an Unterkühlung gestorben. Einer der beiden erlitt zudem eine Herz-Kreislaufschwäche.”